Niederlande prüfen Umweltverträglichkeit der Schiefergasgewinnung – Hysterie und Panik in Deutschland

Bereits Ende Mai 2014 wurde bekannt, dass die Niederlande untersuchen wollen, ob eine Schiefergasgewinnung auf eigenem Hoheitsgebiet unter Einhaltung hoher Umweltstandards durchführbar ist. Da einige der zu untersuchenden Gebiete unmittelbar an Deutschland grenzen, fühlte sich die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (NRW) auf den Plan gerufen, Alarm zu schlagen. Wie nicht anders zu erwarten schlossen sich deutsche Anti-Fracking-Aktivisten dem Alarmismus an.

Das ist eventuell damit zu begründen, dass sowohl Politik als auch die Medienlandschaft wieder einmal etwas komplett missverstanden haben. So titelte z.B. „Die Welt“ am 29.05.2014:

Fracking-Pläne der Niederländer alarmieren NRW

Auf regionaler Ebene war es kaum anders. Bei RP-Online titelte man ebenfalls am 29. Mai:

Niederlande planen Fracking an der Grenze zu NRW

Allein diese beiden Artikelüberschriften machen deutlich, wie mit Schlagzeilen die Öffentlichkeit manipuliert werden kann. Denn es ist mitnichten so, dass in den Niederlanden in absehbarer Zukunft mit der Gewinnung von Schiefergas begonnen werden soll.  Tatsächlich soll in einer sogenannten „Strukturvision“ untersucht werden, ob und wenn ja, in welchen Gebieten die Gewinnung von Schiefergas überhaupt möglich ist. Das hat den Hintergrund, dass die Niederlande für ihre Energieversorgung einen breit aufgestellten Mix an Energieträgern anstreben, zu denen auch das Schiefergas gehören könnte.

In die Untersuchung sollen insbesondere auch Umweltaspekte einfließen. So ist der „Bekanntmachung Strukturvision Schiefergas“ folgendes zu entnehmen:

Vor der Erstellung der Strukturvision muss zunächst untersucht werden, welche Risiken und Konsequenzen die Schiefergasgewinnung mit sich bringen kann. Dies erfolgt im Zuge einer sogenannten Strategischen Umweltprüfung.

Immerhin erwähnt RP-Online diesen Aspekt, während „Die Welt“ ihn unter den Tisch fallen lässt. Stattdessen widmet diese sich der Reaktion der NRW-Landesregierung, die sich offenbar überrumpelt fühlt:

Bislang habe das niederländische Wirtschaftsministerium der NRW-Staatskanzlei weder konkrete Unterlagen zu seiner Planung noch eine Information zur Einleitung des Abstimmungsprozesses im Rahmen der Umweltprüfung übermittelt, sagte Breustedt.

Wozu auch? Was geht es das Land NRW an, was die Niederlande auf ihrem Staatsgebiet vorhaben bzw. untersuchen wollen. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass keinerlei technische Maßnahmen vorgesehen sind., sondern lediglich in mehreren Verfahrensschritten ermittelt werden soll, ob eine Schiefergasgewinnung sinnvoll ist. Dabei ist der erste Schritt noch vor der Strukturvision:

die Untersuchung der Umweltauswirkungen einer eventuellen Schiefergasförderung im Zuge der Strategischen Umweltprüfung.

Dabei sollen Gebiete betrachtet werden, in denen laut Forschungsinstitut TNO Schiefergas im Boden lagern könnte. Im Umweltbericht werden aber noch keine Gebiete ausgewiesen, die für eine spätere Schiefergasgewinnung in Frage kämen. Das soll erst im Zuge der späteren Strukturvision erfolgen.

Neben dem Umweltbericht soll eine Verträglichkeitsprüfung durchgeführt werden, die die Auswirkungen auf Natura 2000 sowie Flora-Fauna-Habitat-Gebiete untersuchen wird. Im Anschluss dieser Prüfung dürfen dann umfassend die Bürger Stellung nehmen und u.a. ergänzende prüfungen vorschlagen, wenn ihrer Meinung nach Umweltaspekte nicht beachtet worden sind.

Schließlich wird erst nach Abschluss des Umweltberichtes und der Verträglichkeitsstudie unter Beachtung der Stellungnahmen von Bürgern und Behörden, bei letzteren auch aus Deutschland, mit der Erstellung der „Strukturvision Schiefergas“ begonnen. Von „Fracking“-Plänen, wie die zitierten Artikelüberschriften suggerieren, sind die Niederländer noch weit entfernt.

Dieser Fakt wird aber nicht nur von der NRW-Landesregierung und auch den Medien ignoriert, sondern, wie nicht anders zu erwarten, auch von den deutschen Umweltschutzgruppierungen. So ist ein Artikel beim Portal „Gegen-Gasbohren“ folgendermaßen überschrieben:

Scharfer Protest gegen niederländische Fracking-Pläne

Doch wie bereits geschildert, gibt es diese Pläne überhaupt nicht. Das hätten die Bürgerinitiativler erkennen müssen, denn schließlich berufen sie sich ebenfalls wie dieser Artikel auf die „Bekanntmachung Strukturvision Schiefergas“. Doch wie üblich orientieren sich die unter dem Verband „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)“ agierenden Initiativen nicht an den geschilderten Fakten, sondern versteigen sich in Verschwörungstheorien und mutmaßt:

dass diese Bekanntmachung bewusst erst nach der Europawahl veröffentlicht wurde. Vor der Wahl hätte die Bekanntmachung sicherlich das Wahlverhalten vieler Bürgerinnen und Bürger beeinflusst.

Zudem wird selbstverständlich wieder ohne jegliches Maß dramatisiert, misinterpretiert und phantasiert, dass es einem die (Fremd-) Schamesröte ins Gesicht treibt. Es meldet sich einmal mehr Oliver Kalusch vom Geschäftsführenden Vorstand des BBU zu Wort:

Die Risiken jeglichen Frackings sind nicht kontrollierbar oder beherrschbar. Beim Fracking können wassergefährdende Stoffe in das Grundwasser gelangen und dieses verseuchen.

Erdölförderbohrungen im wiedererschlossenen Feld Schoonebeek ©chef79

Erdölförderbohrungen im wiedererschlossenen Feld Schoonebeek (NL) ©chef79

Seltsam, dass bisher bei über 2 Millionen Fracjobs weltweit maximal ein einziger Fall bekannt ist, bei dem Fracfluid im Grundwasser nachgewiesen werden konnte. Das ist einem Interview mit Brian Horsfield vom GFZ Potsdam zu entnehmen. Dabei muss beachtet werden, dass viele andere Quellen von keinem einzigen Fall ausgehen. Doch angenommen, es gab diesen einen Fall tatsächlich, wird deutlich, dass die Risiken des Hydraulic Fracturings als sehr gering anzuehen sind. Doch damit nicht genug. Kalusch weiter:

„Ereignisse wie Explosionen, die kilometerweite Auswirkungen haben können oder Erdbeben sind nicht auszuschließen.“

Explosionen sind auch bei Biogasanlagen nicht auszuschließen. Im Gegenteil: Sie kommen sogar recht häufig vor. Außerdem werden durch diese Anlagen Stoffe freigesetzt, die schon mehr als einmal zum biologischen Exodus von Gewässern geführt haben. Erdbeben hingegen sind zwar möglich, jedoch sind Schadensbeben durch die Anwendung des Hydraulic Fracturing nicht bekannt und spürbare Beben, die auf das Verfahren zurückzuführen sind, sind kaum registriert worden. Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auf mehreren Studien beruhen, scheinen den BBU nicht zu interessieren. Und weiterhin sagt Kalusch:

Das aktuelle Verfahren in den Niederlanden suggeriert Mitsprachemöglichkeiten für die Bevölkerung. Das ist jedoch Augenwischerei. Das Verfahren soll vielmehr Fracking forcieren.

Aus dieser Aussage wird deutlich, dass es völlig irrelevant ist, was Behörden oder Unternehmen anstellen, um die Bevölkerung/die Bürger in verfahren einzubinden. Es soll nach Interpretation der Aktivisten lediglich dazu dienen, von ihnen abgelehnte Verfahren durchsetzen zu wollen. Daraus und aus dem letzten Teil des Statements von Kalusch wird einmal mehr die Kompromisslosigkeit des BBU ersichtlich:

Der BBU fordert beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze ein klares Nein zu Fracking in jeder Form – eine Umweltverträglichkeitsprüfung muss da erst überhaupt nicht durchgeführt werden. Fracking ist gefährlich, unverantwortlich und muss sowohl in den Niederlanden wie in Deutschland gesetzlich verboten werden.

Aber nicht nur die Bürgerinitiativen maßen sich an, sich in Angelegenheiten des Auslands einzumischen. Nein, auch einige Politiker tun das. So ist bei „Gegen-Gasbohren“ zu erfahren:

Angesichts der Pläne der niederländischen Regierung, ab 2015 Erdgasförderung per Fracking womöglich zuzulassen, ruft MdB Hubertus Zdebel, Fracking-Experte der Bundestagsfraktion DIE LINKE, alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, bis zum 9. Juli von ihrem Einspruchsrecht Gebrauch zu machen und sich an grenzüberschreitenden Protestaktionen gegen die Fracking-Pläne zu beteiligen.

Herr Zdebel, den was auch immer zum „Fracking-Experten“ qualifiziert, wird zitiert mit:

Fracking ist gefährlich und unverantwortlich. Es reicht nicht aus, ein Fracking-Moratorium zu verhängen wie in NRW; das gibt es in den Niederlanden auch. Wenn man will, kann man sich einfach darüber hinwegsetzen. Schon fordert der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG), nach niederländischem Vorbild auch in NRW Schiefergas-Pilotprojekte auf den Weg zu bringen.[…]

Zunächst einmal widersprechen die weit über 60-jährigen positiven Erfahrungen der unterstellten Gefährlichkeit des Hydraulic Fracturings und zweitens fordert der WEG schon länger Schiefergaspilotprojekte während die Niederlande das nicht vorsehen, sondern zunächst, wie dargelegt, lediglich die Möglichkeit einer Schiefergasgewinnung insbesondere unter Beachtung von Umweltaspekten ohne technische Maßnahmen untersuchen wollen.

Es ist erschreckend genug, dass Politik, Medien (von einigen Ausnahmen abgesehen) und BBU sowie weitere Umweltschutzgruppen dass Verfahren Hydraulic Fracturing und damit auch die Schiefergasgewinnung aufgrund von unterstellten, aber unbewiesenen Risiken in Deutschland diskreditieren und ablehnen. Dass sie (Medien ausgeklammert) sich aber in die Angelegenheiten eines Nachbarlandes, dass nicht von Angst und Hysterie gebeutelt ist, einmischen und dieses belehren wollen, schlägt dem Fass den Boden aus.

2 Kommentare zu Niederlande prüfen Umweltverträglichkeit der Schiefergasgewinnung – Hysterie und Panik in Deutschland

  • Dirk Weißenborn sagt:

    Oliver Kalusch, „Experte“ auf dem Gebiet des Frackings:

    “Die Risiken jeglichen Frackings sind nicht kontrollierbar oder beherrschbar.“

    Wer einen solchen Satz absondert, zeigt offenkundig eine gravierende Störung seines Denkens.

    Nur ein technisches Verfahren bzw. eine Technologie kann hinsichtlich ihrer Beherrschbarkeit beurteilt werden – am besten durch praktische Durchführung.

    „Risiken“ entziehen sich der Beurteilung. Sie sind nichts Materielles. Daher ist es auch sehr leicht, in allem und jedem ein „Risiko“ zu sehen.

  • […] die Erdöl- und Erdgasindustrie sammelt öffentliche Informationen zur Fracking-Diskussion und hat eine ganz andere […]

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