70 Jahre Erdölförderung in der Niedergrafschaft

In der Grafschaft Bentheim, befinden sich in einer westlich der Ems gelegenen kleinen von den Niederlanden umschlossenen Landnische mehrere Erdöl- und auch Erdgaslagerstätten. Nach einer vorangegangenen Explorationsphase wurde am 12. Mai 1944 im Erdölfeld Emlichheim, betrieben durch die Wintershall, die Förderung aufgenommen. In den folgenden Jahren wurden weitere Lagerstätten von nationaler Bedeutung erschlossen.

Doch der reihe nach: Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde bei Bentheim ölhaltiger Schiefer abgebaut und in der noch heute bestehenden Raffinerie Salzbergen zu Roherdöl destilliert. Darüber hinaus waren bei Sieringhoek nahe Bentheim Vorkommen von Naturasphalt bekannt, die ebenfalls auf Erdölvorkommen hinwiesen. So kam es, dass im Jahr der damals führende europäische Erdölgeologe, Hofrat Professor Hans Höfer in seinem Gutachten „Bentheim, eine Erdölstudie“ vorschlug, den Bentheimer Sattel zu erkunden. Erste Bohrungen folgten zwischen zwischen 1904 und 1908, blieben aber ohne den erhofften Erfolg. 1)GESCHICHTE DER ERDÖLGEWINNUNG IN EMLICHHEIM

Ab 1934 erfolgten weitere Bohrungen bei Ochtrup, die jedoch nur Ölspuren nachweisen konnten. 1936 wurde in der Nähe der Bohrung aus dem Jahr 1904 bei Bentheim erneut eine Tiefbohrung mit der Bezeichnung „Norddeutschland 1“ niedergebracht, die im Herbst 1938 in 1.557 Meter Tiefe auf den Plattendolomit des Zechsteins stieß. Unerwartet kam es dabei zu einem Ausbruch von Erdgas, der zunächst nicht unter Kontrolle zu bringen war. Die reguläre Förderung aus dem Vorkommen wurde 1944 aufgenommen und dauert bis heute an. 2)GESCHICHTE DER ERDÖLGEWINNUNG IN EMLICHHEIM3)Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 2013

Der Fund bei Bentheim gab Anlass dazu, den Bentheimer Sattel weiter in Richtung Norden zu untersuchen. Geologen gingen davon aus, dass dieser sich nach Norden fortsetzt und der sogenannte Bentheimer Sandstein bei Abdeckung durch jüngere Sedimente ein ideales Speichergestein darstellt. Erste Aufschlussbohrungen wurden im Laufe des Zweiten Weltkrieges auf durch geophysikalische Messungen kartierte Hochlagen bei Lingen und Nordhorn durchgeführt und am 23.o3.1942 wurde die Bohrung „Lingen 2“ im der Niedergrafschaft benachbarten Emsland wirtschaftlich ölfündig. 4)GESCHICHTE DER ERDÖLGEWINNUNG IN EMLICHHEIM5)Neue Osnabrücker Zeitung: “Aufschwung dank Öl-Boom im Emsland der Nachkriegszeit”

Nur ein Jahr später, am 4. November 1943 wurde man dann auch in der Niedergrafschaft bei Emlichheim nahe der deutsch-Niederländischen Grenze mit der bis heute in Förderung stehenden Aufschlussbohrung „Emlichheim 1“ fündig. Das Öl gelangte zunächst eruptiv, also selbsttätig durch den Lagerstättendruck zu Tage, so dass keine Hilfsmittel, wie z.B. Tiefpumpen, notwendig waren. Die Bohrung wurde schließlich am 12. Mai 1944 in Produktion genommen. 6)GESCHICHTE DER ERDÖLGEWINNUNG IN EMLICHHEIM7)http://www.gn-online.de/Nachrichten/Seit-70-Jahren-nicken-die-Oelpumpen-75822.html

In der Niedergrafschaft sowie im angrenzenden Emsland gelangen zeitgleich bzw. in den Folgejahren weitere Erdölfunde bei Georgsdorf/Osterwald (1944), Adorf (1948), Rühlermoor/Rühlertwist (1949) und Scheerhorn (1949). 8)Neue Osnabrücker Zeitung: “Aufschwung dank Öl-Boom im Emsland der Nachkriegszeit” Zwei weitere Funde bei Emlichheim, Emlichheim-West und Emlichheim-Süd blieben hingegen mit geringen Gesamtfördermengen von ca. 43.000 Tonnen bzw. 11.000 Tonnen ohne wirtschaftliche Bedeutung. 9)Boigk, H.: Erdöl und Erdölgas in der Bundesrepublik Deutschland, Enke, Stuttgart 1981

Erdölsammel- und Aufbereitungsanlage Scheerhorn  ©chef79

Erdölsammel- und Aufbereitungsanlage Scheerhorn ©chef79

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren in der Niedergrafschaft und den unmittelbar angrenzenden Gebieten des Emslandes Erdölreserven von ca. 14 Millionen Tonnen erschlossen worden, die in der Nachkriegszeit Begehrlichkeiten auf der niederländischen Seite weckten. Das schrieb u.a. „Der Spiegel“ am 24. November 1949 in einem sehr ausführlichen Titelbeitrag. 10)Der Spiegel 48/1949: Geschlagene Tage nur um Oel – Pech gehabt Letzten Endes blieb der westlich der Ems gelegene Zipfel der Niedergrafschaft Teil Deutschlands.

Das Erdöl der Niedergrafschaft ist durch seine vergleichsweise hohe Dichte und seine hohe Viskosität (Zähflüssigkeit) gekennzeichnet, was die Gewinnung des Erdöls erheblich erschwert. Zudem wäre der Ausbeutefaktor durch primäre und sekundäre Gewinnungsverfahren vergleichsweise gering. Deshalb wurden in mehreren Lagerstätten sogenannte tertiäre Verfahren durchgeführt. Dazu zählen z.B. das Polymerfluten sowie die Injektion von Heißwasser und Heißdampf.

Am bedeutendsten für die Niedergrafschaft und die benachbarten Felder im Emsland ist das Fluten mit Heißdampf. Dieses wird seit den späten 1960er Jahren, zunächst versuchsweise, ab Mitte der 1970er Jahre regulär in den Lagerstätten Emlichheim, Georgsdorf, Rühlertwist sowie Rühlermoor durchgeführt. Die Bedampfung in Rühlertwist ist allerdings seit 1999 eingestellt. Durch die Einleitung von Heißdampf wird die Lagerstätte aufgeheizt, wodurch das Erdöl dünnflüssiger wird und somit besser zum Bohrloch fließen kann.  Das Polymerfluten zur Verbesserung der Erdölausbeute wurde in den Lagerstätten Scheerhorn und Adorf durchgeführt, ist aber bereits seit 1993 btw. 1991 wieder eingestellt worden. 11)Dipl. Ing. A. Möhring: Zur tertiären Erdölgewinnung

Neben Erdöl wurde in der Niedergrafschaft auch Erdgas gefunden. Die Lagerstätten sind dabei an Sandsteine des Karbon und des Buntsandstein sowie an das Staßfurtkarbonat des Zechsteins geknüpft. Die meisten Lagerstätten stehen bereits vor ihrer Erschöpfung bzw. sind bereits aufgegeben worden. Die ehemalige Erdgaslagerstätte Uelsen ist bereits vor mehreren Jahren zum Erdgasspeicher umgerüstet worden. 12)Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 2013

Der letzte Erdöl-Neufund in der Niedergrafschaft gelang im Jahr 1998 bei Ringe. Neben Erdöl wurde gleichzeitig in tieferen Schichten Erdgas in Sandsteinen des Karbon sowie im Zechstein gefunden. Heute ist die Erdöllagerstätte mit drei Bohrungen erschlossen und aus den Sandsteinen des Karbon fördert eine Sonde Süßgas. Alle vier Bohrungen sind umweltfreundlich auf einem Platz zusammengefasst. 13)Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 2013

In den letzten Jahren wurde speziell im Feld Emlichheim eine umfangreiche Bohrkampagne durchgeführt, um den Ausbeutegrad der Lagerstätte zu erhöhen und die Produktion auf hohem Niveau stabil zu halten. Hierbei stellt Emlichheim eine Besonderheit dar: Seit fast 60 Jahren ist es dem Betreiber, der Wintershall Holding GmbH, gelungen, die Förderung auf einem sogenannten Plateau zu halten. Damit nimmt die Lagerstätte eine absolute Ausnahmeposition im nationalen Vergleich ein. Seit dem Überschreiten der 1-Millionen-Tonnen – Marke am 11. Februar 1955 kam in der Folgezeit alle 6 bis 7 Jahre eine weitere Million dazu, so dass 2012 die 10-Millionen-Tonnen – Marke überschritten werden konnte.

Erdölförderbohrung "Georgsdorf 297" ©chef79

Erdölförderbohrung „Georgsdorf 297“ ©chef79

Doch wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten. So kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Austritten von Nassöl, das zu über 90 Prozent aus salzigem Lagerstättenwasser besteht. Der Rest ist Rohöl. Besonders betroffen ist das Feld Georgsdorf, das von der ExxonMobil Pruduction Deutschland GmbH (EMPG) betrieben wird. Hier neigt sich das vor etwa 30 Jahren errichtete Rohrleitungssystem dem Ende seiner Nutzungsdauer entgegen. Deshalb wird dort seit Beginn des Jahres 2014 das bestehende Leitungsnetz ausgetauscht. Am 29. Juni 2014 kam es zu einem Austritt von 150 m³ Nassöl an einer Altleitung, die nur sechs Wochen später stillgelegt werden sollte. Die neue Leitung ist bereits verlegt worden. Da es sich bei diesem Zwischenfall um einen erheblich größeren handelte als in der Vergangenheit, wurde veranlasst, den Leitungsbetrieb und somit das gesamte Erdölfeld vorläufig außer Betrieb zu nehmen. 14)Flüssigkeit tritt in Erdölfeld Georgsdorf aus15)Leckagen im Erdölfeld Georgsdorf: LBEG lässt Leitungsbetrieb weiter ruhen

Ohne diesen und andere Vorfälle bagatellisieren zu wollen, sei auf ein Ereignis aus dem Jahr 1957 im Feld Georgsdorf hingewiesen. Damals eruptierte eine Förderbohrung und in der Folge ergossen sich über acht Tage hinweg 18.ooo Kubikmeter Erdöl und Ölschlamm. Diese bildeten einen 4 Hektar großen Ölsee, der dem Berghauptmann Wunderlich und einem Bergrat bis an die Brust reichte, nachdem diese bei einer Besichtigung der Havariestelle in diesen fielen. „Der Spiegel“ berichtete darüber ausführlich. 16)Der Spiegel 38/1957: EMSLAND-ERUPTION: Die Wildkatze stirbt

Dennoch wird die Erdölförderung in der Niedergrafschaft und in den unmittelbar benachbarten Feldern des Emslandes noch mindestens über 20 Jahre hinweg fortgesetzt werden. Derzeit plant die EMPG für das Feld Rühlermoor ein neues Förderkonzept, dass die Lebensdauer des Feldes für die nächsten 30 Jahre sichern soll. Allerdings steht die finale Zustimmung zu diesem Projekt nach Unternehmensangaben noch aus. 17)Erdöl aus Rühlermoor – Mit Tradition in die Zukunft

Insgesamt sind bis zum 31.12.2013 aus den Erdölfeldern westlich der Ems (Niedergrafschaft und benachbarte Felder des Emslandes) beachtliche 81 203 103 Tonnen Erdöl gefördert worden. Aus 521 Förderbohrungen in acht Feldern konnten 2013 noch 566 898 Tonnen gewonnen werden. Außerdem wurden insgesamt 4 981 293 260 m³ Erdlbegleitgas bis Ende 2013 gewonnen, davon 20 709 350 m³ im Jahr 2013. Die kumulativ geförderte  Menge Erdgas belief sich bis Ende 2013 auf fast 40 Milliarden m³. Im Jahr 2013 waren noch 33 Förderbohrungen produktiv, aus denen fast 175 Millionen m³ Erdgas gewonnen werden konnte. 18)Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 2013

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Quellenverzeichnis   [ + ]