45 Jahre Erdgasförderung in der Altmark

Im äußersten Nordwesten des heutigen Sachsen-Anhalt befindet sich die westliche Altmark. Diese Region ist infolge der vorletzten Eiszeit sowie der darauffolgenden erdgeschichtlichen Ereignisse geprägt von Endmoränen, die heute als bewaldete Hügelketten erhalten sind. Dazwischen  flachen, ackerbaulig genutzten Grundmoränenplatten sowie holozän, also nacheiszeitlich entstandenen Auen kleiner Flüsse. Doch vor über 45 Jahren kamen Erdgassucher in die idyllische Region.

Bereits in den 1950er Jahren waren im äußersten Westen der Altmark, in der Nähe der Grenze zur BRD, Bohrmannschaften intensiv mit der Erdölsuche beschäftigt. Der Hauptbetrieb der Erdöl-Erdgasindustrie, der VEB Erdöl-Erdgas Gommern, unterhielt in dem kleinen Dorf Kleistau sogar einen Stützpunkt. Schließlich wurden unweit der Grenze auf niedersächsischem Grund in den 1950er Jahren mehrere Erdöllagerstätten (Lüben, Knesebeck, Vorhop, Hankensbüttel) aufgeschlossen. Auf dem Gebiet der DDR blieb den Erdölsuchern dieser Erfolg versagt, da sich der Gifhorner Trog, an den die Erdöllagerstätten geknüpft sind, nicht bis auf das Gebiet der DDR erstreckt. Der vor wenigen Wochen verstorbene Erdölveteran Siegfried Titus dazu (Quelle Volksstimme vom 30.10.2011):

Neidvoll schauten wir nach Westen. In Niedersachsen sprudelte das Erdöl. Wir fanden in bis zu 1500 Metern Tiefe nur Pampe. Die im Westen haben gepumpt und wir haben dumm guckt.

In den späten 60er Jahren kehrten die Erkundungsmannschaften in die Altmark zurück. Auf Ratschlag sowjetischer Experten sollten nun tiefere Formationen erkundet werden. Dazu zählt z.B. das sedimentäre „Rotliegend“, in dem 1959 in den Niederlanden die riesige Erdgaslagerstätte „Groningen“ entdeckt wurde. Auch im sich der Altmark nördlich anschließenden Wendland wurde man im Jahr 1966 mit der Bohrung „Wustrow Z1“ fündig.

Erdgasförderbohrung "Püggen 113" in der Altmark ©chef79

Erdgasförderbohrung „Püggen 113“ in der Altmark. Im Hintergrund links Ablenkung der Bohrung „Püggen 1“ (Mai 2013) ©chef79

Am 4. Juli 1967 begannen schließlich die Bohrarbeiten auf der Aufschlussbohrung „Peckensen 4“ unweit des Dorfes Wistedt. Die Bohrarbeiten wurden laut eines Artikels der „Altmarkzeitung“ vom VEB Erdöl-Erdgas Mittenwalde, Betriebsteil Stendal, durchgeführt. Im Dezember 1968 wurde dann die Endteufe von 3.547 Metern erreicht. Als letzter Bohrtag wird der 22. Februar 1969 genannt. Man wurde fündig! Der Lagerstättendruck betrug 400 bar und die Sonde erbrachte laut Titus eine beachtliche Rate von 600.000 Kubikmetern pro Tag. Am 17. August 1969 wurde schließlich die Förderung in industriellem Maßstab aufgenommen (Quelle). Zuvor war in 8-monatiger Bauzeit eine Ferngasleitung von der Bohrung zum Betrieb SKET Magdeburg verlegt worden (Bubke 2010).

Das durch die Bohrung angetroffene Erdgas ist gekennzeichnet durch seinen relativ geringen Anteil von Methan, der 36,06 Prozent beträgt. Den Hauptanteil macht stattdessen nicht brennbarer Stickstoff aus. Sein Anteil beträgt 63,33 Prozent (Bubke 2010). In anderen Lagerstättenteilen, die in der Folge entdeckt wurden, liegt der Methangehalt sogar noch teilweise deutlich darunter (Teilglied Winkelstedt z.B. 5 bis 23 Prozent).

Dennoch war die Entdeckung der Lagerstätte für die an Rohstoffen arme DDR bedeutend. Dementsprechend wurde die Produktion zügig ausgebaut. Bereits fünf Jahre nach Förderbeginn wurden 6,75 Milliarden Kubikmeter produziert. Dazu wurden 75 Bohrungen zwischen 1969 und 1974  abgeteuft. In den folgenden acht Jahren wurden weitere 74 Bohrungen niedergebracht (Bubke 2010). Die Erdgasförderung konnte dadurch auf 9 Milliarden Kubikmeter im Jahr ausgebaut werden.

Aufgrund limitierter Importe aus der UdSSR wurde die Förderung Mitte der 1980er Jahre auf über 12 Milliarden Kubikmeter auf Anweisung der DDR-Regierung hochgefahren. Siegfried Titus dazu:

Das war eine eindeutige physikalische Überbelastung der Lagerstätte

Um diese Rate zu erreichen und für wenige Jahre (1985 bis 1987) aufrecht zu erhalten, waren 20 bis 35 Produktionsbohrungen pro Jahr notwendig. Die Konsequenz war, dass sich die Lagerstätte erschöpfte und Teilbereiche verwässerten (Bubke 2010). Dementsprechend halbierte sich die geförderte Menge bis 1990 auf ca. 6,5 Milliarden Kubikmeter (Quelle: „Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 1992“).

Workoverarbeiten auf der Erdgasbohrung "SW 85" im August 2013. ©chef79

Workoverarbeiten auf der Erdgasbohrung „SW 85“ im August 2013. ©chef79

Im Zusammenhang mit der zu sehr intensivierten Erdgasgewinnung zu DDR-Zeiten sollte nicht unerwähnt bleiben, dass wenig Rücksicht auf die Umwelt sowie Mitarbeiter des Förderbetriebes genommen wurde. Denn problematisch war, dass das Erdgas recht hohe Quecksilberanteile enthält. Bubke (2010) nennt durchschnittliche Werte von 2 mg/m³ Erdgas. Durch mangelhaften Arbeitsschutz sowie fehlende technische Anlagen wurden Mitarbeiter kontaminiert und hunderte in der Folge unheilbar krank. Dieser Sachverhalt, der auf die unzureichenden Vorkehrungen zu DDR-Zeiten zurückzuführen ist, wird in einer Studie von Herrmann Bubke (2010) diskutiert. Ungerechtfertigter Weise wird gegenwärtig diese Studie, die die Zustände zu DDR-Zeiten missbilligt, von Erdgasförderungsgegnern missbraucht, um gegen die heutige Erdgasgewinnung in Deutschland Stimmung zu machen.

Auch heute wird noch Erdgas in der Altmark gefördert. Betreiber der Lagerstätte ist seit 1994 die GDF-Suez E&P GmbH mit Sitz im emsländischen Lingen. Laut Jahresbericht wurden 2013 noch 434,1 Millionen m³ Erdgas aus 143 Bohrungen gewonnen. Insgesamt sind bis Ende 2013 knapp 210 Milliarden m³ Erdgas aus den altmärkischen Lagerstätten gewonnen. Damit ist der dortige Lagerstättenkomplex der mit Abstand bedeutendste in Deutschland.

Noch heute profitiert die Region von der Erdgasförderung. So haben zwei renommierte Serviceunternehmen der Erdöl-Erdgas-Industrie bzw. der Tiefbohrtechnik ihr Domizil in Salzwedel. Es handelt sich um die Erdöl-Erdgas Workover GmbH sowie die Fangmann Group.

Ob das 50. Jubiläum der altmärkischen Erdgasförderung

noch erreicht wird, bleibt abzuwarten. Immer noch stattfindende Workoverarbeiten produktiver Erdgasbohrungen sowie Wiederinbetriebnahme jahrelang inaktiver Bohrungen sprechen dafür.

Fotos: ©chef79

Sofern nicht anders gekennzeichnet, sind die Ausführungen auf  persönliche Gespräche zurückzuführen.