Niederlande wollen Förderung aus Erdgasfeld Groningen bis 2030 einstellen

Förderplatz Erdgasfeld Groningen

In den Niederlanden befindet sich das Erdgasfeld Groningen. Mit initialen Reserven von 2.800 Milliarden Kubikmetern ist es eines der größten der Welt sowie mit großem Abstand das bedeutendste Europas mit Ausnahme der Felder im europäischen Teil Russlands. Nachdem es in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Erdbeben kam, die teilweise auch strukturelle Gebäudeschäden anrichteten, wurde die Förderung zunächst gedrosselt. Nach einem weiteren Erdbeben am 8. Januar 2018 beschloss das niederländische Kabinett nun eine weitere Drosselung sowie eine Einstellung der Produktion im Jahr 2030. Da diese Entscheidung Auswirkungen auf Deutschland in zweierlei Hinsicht haben könnte, nehmen wir uns des Themas an.

Erdgasfeld Groningen – Einige Eckdaten

Entdeckt wurde das Erdgasfeld Groningen bereits 1959 durch eine Bohrung bei Kolham, Gemeinde Slochteren. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, welchen Umfang die Lagerstätte hat. Ein Jahr später wurde bei Delfzijl eine weitere Bohrung gasfündig. Nicht nur der Fundhorizont  war identisch (Sandsteine des Rotliegend), sondern auch Lagerstättendruck sowie Gaszusammensetzung. Aus diesem Ergebnis wurde geschlossen, dass in der Provinz Groningen ein großes Erdgasfeld gefunden worden ist. Bereits im Fundjahr, genauer am 22. Juli 1959, begann die Erdgasproduktion.

Auf die Erdoberfläche projiziiert hat das Erdgasfeld Groningen eine Ausdehnung von 900 km². Die Lagerstätte befindet sich in einer Teufe von  2.600 m bis 3.200 m. Die Mächtigkeit der gasführenden Schicht liegt zwischen 100 m und 300 m. Seit der Entdeckung sind die Vorräte häufiger und dabei stets nach oben korrigiert worden. So schätzte man ursprünglich (nach dem Erfolg bei Delfzijl) die initialen gewinnbaren Reserven auf nur 60 Mrd. m³. Bereits 1962, also nur 2 Jahre später, wurden die Reserven auf 470 Mrd. m³ angehoben, 1963 auf 1.110 Mrd. m³ und 1967 auf 2.000 mrd. m³. Mit Kenntnisstand von 2010 waren es sogar 2.700 Mrd. m³.

Wie aus dem Diagramm zu entnehmen ist, stieg die Förderung zunächst zügig an und erreichte 1974 fast 90 Mrd. m³. Sie wurde dann aber zurückgefahren, um die Einspeisung aus kleinen Feldern zu ermöglichen. Sicherlich ist die physikalische Schonung der Lagerstätte ein weiterer Aspekt. Mit dem Rückgang der Produktion aus den kleinen niederländischen Feldern nahm die Produktion aus dem Erdgasfeld Groningen ab 2009 wieder zu. Nach 2014 ist dann ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, der aufgrund der seismischen Aktivitäten infolge der Erdgasförderung durch den niederländischen Wirtschaftsminister verfügt wurde.

Beben im Bereich vom Erdgasfeld Groningen

Geologischer Schnitt Erdgasfeld Groningen

Geologischer Schnitt durch die Lagerstätte Groningen. Quelle: www.nlog.nl/groningen-gasveld

Bedingt durch die massive Volumenentnahme aus der Erdgaslagerstätte veränderten sich die Druckverhältnisse im Untergrund. In der Folge sind seit 1991 kleinere Erdbeben mit Magnituden um 2,0 auf der Richterskala registriert worden. Am 24. Oktober 2003, also mehr als 40 Jahre nach Beginn der Förderung, ist zum ersten Mal ein Beben mit der Stärke von 3,0 auf der Richterskala registriert worden. Seitdem gab es bis zum 8. Januar 2018 sieben weitere seismische Ereignisse mit einer Stärke von 3,0 bis 3,6 auf der Richterskala.

Doch ist die Magnitude nach Richter allein nicht aussagekräftig genug. Denn entscheidend für die Spürbarkeit sowie auch mögliche Schäden an Bauwerken ist die Intensität. Diese ist einerseits abhängig von der Erbebenstärke nach Richter aber auch von der Herdtiefe. Und hier sind wir beim Kardinalproblem in der Region, die das Erdgasfeld Groningen überdeckt. Mit ca. 3.000 m ist die Herdtiefe der Beben vergleichsweise flach. Und damit ist die Intensität höher als bei einem gleichstarken Ereignis in 5.000 m, 10.000 m oder gar tiefer.

Deshalb haben die „Groningen“-Beben gravierendere Folgen als Ereignisse gleicher Stärke in größeren Tiefen. An einigen Gebäuden führten sie sogar zu strukturellen Schäden. Nachvollziehbarerweise folgten den Schäden teils massive Bürgerproteste mit bis zun 12.000 Teilnehmern. Gefordert wurde die Einstellung der Förderung, was sich jedoch aufgrund der ökonomischen Bedeutung nicht durchsetzen ließ.

Allerdings wurde eine deutliche Reduzierung der Förderung durch die Regierung beschlossen. Die Obergrenze sollte dabei 27 Mrd. m³ pro Jahr betragen. Zur Sicherung des Eigenbedarfs sind laut Gasunie Transport Service, dem niederländischen Gasversorger, mindestens 14 Mrd. m³ erforderlich. Nach dem jüngsten stärkeren Beben am 8. Januar 2018 fordert die niederländische Bergbehörde gar eine Reduktion auf 12 Mrd. m³ bei gleichzeitiger Schließung des Clusters Loppersum mit sechs Förderplätzen mit jeweils mehr als 8 und bis zu 22 Fördersonden (Bergbauaufsicht fordert deutliche Förderkürzung in Groningen).

Einstellung der Förderung aus Erdgasfeld Groningen bis 2030

Förderplatz im Erdgasfeld Groningen

Förderplatz bei Kolham im Erdgasfeld Groningen. Foto: Steven Arndt, März 2012

Nach jüngsten Medienberichten, u.a. bei finanztreff.de, hat die niederländische Regierung nun beschlossen, die Förderung bis 2022 auf weniger als 12 Mrd. m³ zu drosseln. Bis 2030 soll die Erdgasgewinnung aus dem Groninger Feld ganz eingestellt werden. Für die Fördergesellschaft Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM) ist das sicherlich wirtschaftlich gesehen ein Schlag ins Gesicht, hat das Unternehmen doch zwischen 1997 und 2009 über 2 Milliarden Euro investiert, um die Förderung noch für 50 weitere Jahre zu sichern. Zusätzlich ist anzumerken, dass die NAM Entschädigungszahlungen vornimmt sowie Konzepte erdbebensicherer Gebäude entwickelt.

Doch auch für die Niederlande selbst hat die Entscheidung ökonomische Konsequenzen. Durch die Förderreduzierung sowie den vorzeitigen Produktionsstopp von fast 30 Jahren entfallen jährliche Einnahmen in Milliardenhöhe. Hinzu kommt, dass in die Gasinfrastruktur investiert werden muss. So ist die Errichtung einer Stickstoffanlage erforderlich. Der Stickstoff wird hochkalorischem Importgas beigemischt, um den niedrigeren Brennwert des Groningen-Erdgases zu erreichen, auf den die Gasbrenner in den Niederlanden eingerichtet sind. Zusätzlich entfallen schneller als geplant Exporte nach Belgien, Frankreich und Deutschland.

Förderstopp auch in Deutschland?

Erdgasbohrung in Deutschland. Wiedergeöffnete Bohrung „Hildesheimer Wald Z2“. Foto: Steven Arndt, Juni 2017

In Deutschland sind leichte Erdbeben als Folge der Erdgasförderung ebenfalls bekannt. Besonders betroffen ist hierbei die Region im Bereich der Erdgaslagerstätte Völkersen/-Nord. Diese ist seit einigen Jahren die förderstärkste, vom Gesamtvolumen jedoch bei Weitem nicht die größte. Einige der registrierten Erdbeben führten auch zu leichten Schäden an Gebäuden, die in ihrer Dimension längst nicht vergleichbar sind mit denen in den Niederlanden.

Dennoch wird auch für die Region ein Förderstopp u.a. durch den CDU-Politiker und direkt gewähltes Mitglied des Bundestages, Andreas Mattfeldt, gefordert. Dieser sowie andere Gegner der Erdgasförderung in Deutschland dürften sich durch die Entscheidung der niederländischen Regierung bestärkt fühlen. Doch aufgrund der unterschiedlichen Dimensionen ist eine Gleichsetzung der Handlungen nicht möglich.

Anders als in den Niederlanden sind keine strukturellen Gebäudeschäden zu erwarten. Das ist u.a. mit der größeren Teufe der Lagerstätte Völkersen/-Nord von ca. 2.000 Metern gegenüber dem Erdgasfeld Groningen zu begründen. Anders als in den Niederlanden ist eine Drosselung auch nicht erforderlich, da mittlerweile auch in Völkersen die Förderrate aus natürlichen Gründen im Absinken begriffen ist. Die Drosselung geschieht also bereits von Natur aus! Zudem erfolgt in Groningen eine geplante Drosselung über Jahre hinweg und die geplante Einstellung ist für 2030 vorgesehen. Bis zu diesem Datum dürfte die Lagerstätte Völkersen/-Nord aus natürlichen Gründen erschöpft sein.

Versorgung des deutschen Marktes

Bohranlage T-160 im Erdgasfeld Völkersen. Foto: Steven Arndt, Mai 2013

Für die Versorgung des deutschen Marktes hat die Entscheidung der Niederlande insofern Bedeutung, als das ein weiterer Lieferant schneller als geplant entfällt und somit die Diversifizierung des deutschen Erdgasbezugs weiter reduziert wird. Diese Situation wird sich weiter verschlechtern, da die inländische Produktion weiterhin deutlich rückläufig ist. Maßnahmen, diesen Trend umzukehren, werden politisch blockiert. In der Konsequenz steigt die Abhängigkeit von Russland weiter.

Fakt ist, dass so schnell auf Erdgas nicht verzichtet werden kann. Denn immerhin etwa die Hälfte der deutschen Haushalte wird mit diesem wertvollen Rohstoff beheizt. Hinzu kommt die Bedeutung von Erdgas in der Stromversorgung, der im Sinne von Luftreinhaltungsbestrebungen in diesem Sektor sogar verstärkt eingesetzt werden müsste.

Doch wo soll dieses Erdgas herkommen? Gegen die eigene Förderung wird auch politisch ins Feld gezogen, die Erkundung des Potenzials in unkonventionellen Lagerstätten sogar vollständig blockiert. Versorger wie die Niederlande fallen weg oder sind wie Großbritannien und Dänemark inzwischen quasi nicht mehr vorhanden. Aber auch hinsichtlich neuer Importquellen aus Übersee tut sich nichts. Es erfolgen keinerlei Planungen, von Investitionen ganz zu schweigen, hinsichtlich der Errichtung von Terminals zur Anlandung von Liquified Natural Gas (verflüssigtes Erdgas) z.B. aus Katar.

Auch die hochgelobte Power-To-Gas-Technik stellt auf absehbare Zeit keine sinnvolle Alternative dar. Die oft angepriesene AUDI-Anlage im niedersächsischen Werlte hat eine Stundenkapazität von 300 m³ Methan. Selbst wenn diese Anlage rund um die Uhr liefe, könnten jährlich nur 2,6 Mio. m³ erzeugt werden. Bei einem Erdgasbedarf Deutschlands von ca. 80 Mrd. m³ pro Jahr bräuchte es also fast 31.000 (!) solcher Anlagen. Dabei ist eine solche Anlage eine Industrieanlage, deren Umfang größer ist, als der einer Erdgasförderbohrung mit Gastrocknungsanlage. Selbst wenn sich diese Technik eines Tages wirtschaftlich vertretbar und großmaßstäbig durchsetzen würde, wäre zu erwarten, dass sich dagegen „zivilgesellschaftlicher“ Protest unter fadenscheinigen Begründungen regen wird.

Damit sollen die Erdbebenfolgen im Gebiet vom Erdgasfeld Groningen nicht verharmlost werden. Strukturelle Gebäudeschäden sind ernstzunehmen, ebenso wie die einhergehenden psychischen Belastungen von Anwohnern. Doch sollte nach Lösungen gesucht werden, die den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht wird. Ob die Entscheidung der niederländischen Regierung aufrecht erhalten bleibt, bleibt abzuwarten. Ebenso ist derzeit noch offen, ob die NAM gegen diese weitreichende Entscheidung zu ihren Ungunsten juristisch vorgeht.

 

Anmerkung: Sofern nicht anders gekennzeichnet, sind die Infos zum Erdgasfeld Groningen dem niederländischen WIKIPEDIA-Artikel „Aardgasveld van Slochteren“ entnommen.

Artikelfoto: Förderplatz im Erdgasfeld Groningen mit 20 Förderbohrungen westnordwestlich von Scheemda. Foto: Steven Arndt, März 2012.

3 Kommentare zu Niederlande wollen Förderung aus Erdgasfeld Groningen bis 2030 einstellen

  • Dirk Weißenborn sagt:

    „Bei einem Erdgasbedarf Deutschlands von ca. 80 Mrd. m³ pro Jahr bräuchte es also fast 31.000 (!) solcher Anlagen.“

    Noch schlechter sieht diese – auf regenerativen Stromerzeugern basierende – Technologie aus, wenn wir die elktrolytische Erzeugung des Wassserstoffs für Fahrzeugantriebe (Brennstoffzelle) betrachten. Nehmen wir die stündliche Erzeugung von 100 Kubikmetern Wasserstoff an. Das ergibt eine Masse von ca. 9kg.

    Auf das Jahr gerechnet, ergeben sich 876000 Kubikmeter Wasserstoff mit einer Masse von 78840 kg. Fahrzeuge japanischer und koreanischer Herkunft mit Brennstoffzelle benötigen zu Antriebszwecken ca, 1kg Wasserstoff auf 100 gefahrene Kilometer.

    Somit sind in dieser Modellrechnung zunächst einmal 7.884.000 Fahrzeugkilometer jährlich möglich. Nur mit etwas Wasserdampfemission und sehr geräuscharm. Das hat schon eine Menge für sich.

    Nun nehmen wir aber an, dass der durchschnittliche Nutzer eines solchen, durchaus langstreckentauglichen, Vehikels 20000 km jährlich fährt:

    7.884.000 / 20000 = 394 Fahrzeuge, welche von der Wasserstofferzeugung einer Anlage a la Werlte gespeist werden könnten.

    Das ist nun doch ernüchternd.

    Natürlich kann man nun viele „Werltes“ – und sehr viele zusätzliche Windenergie- sowie Photovoltaikleistung – errrichten. „Verkehrswende“ ist so dennoch nur schlecht möglich. Wer jedoch mal auf die Seiten des Umweltbundesamtes zum Thema „Mobilität in der Zukunft“ nachsieht, wird feststellen, dass der Individualverkehr – so „sauber“ dieser auch sein mag – zumindest in den Ballungsräumen als Auslaufmodell angesehen wird. Vor allem aus Platzgründen.

    Also kommt man doch mit weniger „Werltes“ aus.

    Dies war nur eine Modellbetrachtung zum gegenwärtigen Zeitpunkt!

    Sehr gut recherchierter Beitrag, der zeigt, dass der Blogbetreiber auch Dinge beim Namen nennt, die geeignet sind, der „Anti-Erdgasfraktion“ als Argumentationshilfe zu dienen.

    1. SAR sagt:

      Hallo Dirk,

      danke für den ausführlichen Kommentar.

      Aber wie ist das hier „…der zeigt, dass der Blogbetreiber auch Dinge beim Namen nennt, die geeignet sind, der „Anti-Erdgasfraktion“ als Argumentationshilfe zu dienen.“ zu verstehen?

  • Dirk Weißenborn sagt:

    Hallo Steven,

    der Blogbetreiber nennt auch Sachverhalte, die von der Gegenseite oft in die Debatte eingeworfen werden. Er ist bestrebt, der Wahrheit den Vorzug zu geben – auch wenn sich im obigen Fall die „Anti-Erdgasfraktion“ bestärkt fühlen könnte (Erdbeben, Senkungen, usw.).

    Das zeigt doch, dass dieser Blog wirklich unabhängig ist!

    Gruß

    Dirk

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