Kein Bohrschlamm-Skandal in der Altmark

Nachdem sich in den vergangenen Jahren der NDR intensiv mit dem Thema Bohrschlamm befasste und dabei einen Bohrschlamm-Skandal herbeiredete, scheint nun der MDR nachziehen zu wollen. So gab es im Rahmen des Magazins „Exakt“ vom 24.10.2018 einen entsprechenden Bericht. Neben fachlichen Fehlern im Hinblick auf Bodenschutz wie Bodenkunde enthielt er zudem Angaben, die sich nicht aus einschlägigen Gesetzen und Verordnungen ableiten lassen. Das ist bereits vom NDR bekannt und der MDR verfährt in einem ähnlichen Schema. Auf der einen Seite in einer Initiative engagierte Bürger, auf der anderen die Behörden und die Industrie.

Als ob ein Blinder von der Farbe spricht

Erdgasbohrung PES 8 (gebohrt 1970). Ort des Bohrschlammskandals. Foto: Steven Arndt (Sommer 2014). Zum Vergrößern anklicken.

Zunächst heißt es einleitend, dass „die Bürger von Tylsen“, also ALLE, einen Bohrtrupp beauftragt hätten, der „Mitten im Acker nach Gift suchen soll“. Welch dramatischer Einstieg! Doch schon im weiteren Verlauf wird unmittelbar klar, dass es nicht die Gesamtheit der Bevölkerung des idyllischen Dörfchens Tylsen war, die die Untersuchung veranlasst hat, sondern ein einzelner Bewohner, der offenbar erst nachwendezeitlich in der Abgeschiedenheit des Ortes und in der Westaltmark allgemein zu Hause ist. Das lässt sich aus seinen folgenden Aussagen schließen. Denn als vorwendezeitlicher Anwohner hätte er Kenntnis davon gehabt, wovon ihm Alteingesessene berichteten. Und zwar von Bohrschlammgruben, welche, für die DDR-Zeit typisch, direkt neben den Bohrplätzen angelegt worden sind. Neben dem mutmaßlich nachwendezeitlich Zugezogenen sind mit dem ebenfalls nachwendezeitlich aus Süddeutschland zugezogenem Christfried Lenz und dem omnipräsenten Bernd Ebeling aus dem Nachbarkreis weitere Vertreter der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Umwelt und Energie Altmark“ zu sehen.

Wie für Bürgerinitiativler nicht ungewöhnlich, sind seine Äußerungen von fachlichen Unzulänglichkeiten bis Falschaussagen gespickt. Dass Bohrspülung als Spülwasser bezeichnet wird, kann man ja noch verschmerzen, aber das behauptet wird, es würden quecksilberhaltige Lösungen verwendet, lässt einen nur mit dem Kopf schütteln. Tatsächlich kann im Bohrschlamm Quecksilber enthalten sein, dass ist dann aber der Tatsache geschuldet, dass beim bohrtechnischen Aufschluss der erdgasführenden Schicht darin enthaltenes Quecksilber mit nach oben befördert wird. Weiter wird behauptet, „Benzole, Toluole…“ wären mit enthalten. Zunächst verwundert an dieser Stelle der verwendete Plural. Sprachlich korrekt wäre gewesen, den Singular zu verwenden, also von Benzol und Toluol zu sprechen. Doch selbst bei sprachlicher Korrektheit wäre es inhaltlich falsch: Denn Altmarkerdgas enthält anders als z.B. Erdgas aus dem Raum Rotenburg/Wümme keine höheren Kohlenwasserstoffe. Man kann sich also nicht des Eindruckes erwähren, dass hier metaphorisch gesprochen, ein Blinder von der Farbe spricht.

Mit unexakten Aussagen zum Bohrschlamm-Skandal

Bohrstellen bei Kemnitz (grün = produktiv, orange = offen, nicht produktiv, rot = verfüllt). Anmerkung: Die PES 264 war eine Beobachtungsbohrung. In Klammern: Bohrjahr (Ende). Quelle: wie angegeben, bearbeitet vom MDR, weiter bearbeitet von S.Arndt. Zum Vergrößern anklicken.

Die Sendung, in deren Rahmen der Bericht ausgestrahlt worden ist, nennt sich „Exakt“. Doch leider wird man dem Anspruch, der aus dem Namen abgeleitet wird, nicht gerecht. So heißt es, bei der Probebohrung, bei der in 40 cm Tiefe Bohrschlamm angetroffen wurde, erbohrte man bis in 5 Meter Tiefe alles mögliche, nur nicht „Mutterboden“, was zu erwarten gewesen wäre. Das ist aus bodenkundlicher Sicht absoluter Unfug.

Mit „Mutterboden“ wird umgangssprachlich da bezeichnet, was fachlich als „Oberboden“ bezeichnet wird. Und wie es das Wort schon selbst hergibt, handelt es sich hierbei um den obersten Horizont eines Bodenprofils. In unseren Breiten hat dieser Oberboden eine Mächtigkeit von 20-30 cm. Unterhalb dieses Horizontes ist also von „Mutterboden“ nicht mehr zu sprechen und ein solcher auch nicht zu erwarten. Hier hätte ein Blick in die Wikipedia genügt.

Doch es geht unexakt weiter: In einem folgenden Luftbild werden Bohrschlammgruben auf Äckern nahe Tylsen gezeigt. Nun, tatsächlich zeigt die Aufnahme Sondenplätze östlich von Tylsen von Wieblitz-Eversdorf über Kemnitz bis Ziethnitz. Im TV-Beitrag wird das immerhin erwähnt, im Textbeitrag bei mdr.de jedoch nicht. Unerwähnt bleibt bei beiden, dass die auf den Luftaufnahmen, die ca. 1988/89 entstanden sein müssen, zu sehenden offenen Bohrschlammgruben in den 1990er Jahren durch Auskofferung und Verfüllung saniert worden sind. Der Verfasser ist als ehemaliger tatsächlicher Anwohner diesbezüglich Augenzeuge. In einer Sendung namens „Exakt“ hätte dies durchaus Erwähnung finden müssen.

Denn in den späten 80er Jahren hat man sich oftmals die Mühe gespart und die Gruben offen gelassen, anstatt sie mit dem Aushub nach Beendigung der Bohrung zuzuschieben. Diese damals gängige Praxis wird im MDR-Beitrag als „skandalös“ bezeichnet. Das mag man aus heutiger Sicht so bewerten, damals war es jedoch Standard und alles andere als ein Skandal. Skandalös wäre es, wenn man heute entgegen der Vorschriften so verfahren würde.

Äcker angeblich belastet

Workover auf der Erdgasbohrung PES 234 (gebohrt 1985) im Januar 2018. Foto: Steven Arndt. Zum Vergrößern anklicken.

Um den Bohrschlamm-Skandal in der westlichen Altmark weiter zu festigen, wird behauptet, dass Äcker belastet seien. Doch sind sie es tatsächlich? Schließlich wurde die Ackerkrume, also der Mutter- oder Oberboden gar nicht beprobt, sondern nur das darunterliegende Inventar der einstigen Bohrschlammgrube. Insofern ist der folgende angestellte Vergleich, dass wenn ein Landwirt gegen ein oberflächennah im Acker liegendes Rohr stößt (wie auch immer das dort hinkommt) eine Entschädigung enthält, bei einer Acker-„Verseuchung“ jedoch nicht, absurd. Denn die Kontamination des Ackers selbst muss zunächst nachgewiesen werden. Und das haben die Beprobungen mitnichten erbracht, auch wenn der MDR versucht, es anders darzustellen.

Bezugnehmend auf Laborergebnisse aus den bei Tylsen gezogenen Proben darf der Landarzt Ernst Allhoff bewerten, nicht jedoch ein Fachmann. Umso weniger überraschend sind die Interpretationen, die jeglicher Grundlage in Form von Vorschriften entbehren. Festgestellt seien demnach bis zu 75.000 mg Mineralölkohlenwasserstoffe (MKW) je kg Trockensubstanz Boden. Damit wäre der „Grenzwert“ um das 750-fache überschritten. Der „Grenzwert“ läge somit bei 100 mg/kg. Nur lässt sich in der einschlägigen Literatur, insbesondere in der Bundesbodenschutzverordnung (BBodSchV), ein solcher Grenzwert nicht finden. Zudem spricht die BBodSchV an keiner Stelle von „Grenzwerten“, sondern stattdessen von Vorsorge-, Prüf- oder Maßnahmewerten. Doch was interessieren schon Fakten, wenn etwas vom Zaun, in diesem Fall ein westaltmärkischer Bohrschlamm-Skandal, gebrochen werden soll.

Das einzige, was sich bezüglich MKW in der BBodSchV finden lässt, ist ein Prüfwert für den Wirkungspfad Boden-Grundwasser, der an dieser Stelle aber vollkommen irrelevant ist. Aber auch weitere Äußerungen des Mediziners, von dem man ein Mindestmaß an chemischen Grundlagenwissen erwarten könnte, lassen einen schon fast verzweifeln. Er behauptet, der Großteil der MKW wäre wasserlöslich und somit über das Wasser eine Aufnahme in Pflanzen gegeben. Tatsächlich sind fast alle Kohlenwasserstoffe hydrophob, also „wasserfeindlich“ und somit nicht in diesem löslich. Das ist Basiswissen der organischen Chemie, welches spätestens in der Jahrgangsstufe 10 an öffentlichen Schulen gelehrt wird.

Zum Abschluss des Berichtes heißt es dann noch, um einen vermeintlichen Bohrschlamm-Skandal zu stützen, von einem weiteren mutmaßlichen Vertreter der Bürgerinitiative, dass möglicherweise die „gesamte Bevölkerung“ durch die noch vorhandenen Gruben gefährdet sein könnte. Nur wie das in Ermangelung eines Wirkungspfades möglich sein soll, schließlich sind die Gruben nicht mehr offen sondern abgedeckt, bleibt das Geheimnis der sendungsbewussten BI-Mitglieder und deren Unterstützer in den Redaktionsstuben des MDR. Nachdem der vom NDR herbeigeredete Bohrschlamm-Skandal sich nun erschöpft hat, knüpft der MDR an und versucht einen solchen für die westliche Altmark nach bekanntem Muster zu initiieren.