Gasförderung in Völkersen wird 2036 eingestellt

Gasförderung in Völkersen

Am 20. November 2019 bebte bei Verden zum wiederholten Male spürbar die Erde. Als Auslöser wird die seit 1992 laufende Gasförderung in Völkersen und umzu angesehen. Weil bei einigen der seismischen Ereignisse, so auch bei denen vom 20. November, leichte Gebäudeschäden hervorgerufen worden sind, fordern Teile der Bevölkerung sowie einige Politiker das sofortige Aus der Erdgasproduktion. Mit einer Pressemitteilung vom 05.12.2019 trat nun der Betreiber der Erdgaslagerstätte Völkersen/Völkersen-Nord, die Wintershall Dea GmbH an die Öffentlichkeit, um die Zukunft der dortigen Erdgasgewinnung darzulegen.

Historischer Abriss der Gasförderung in Völkersen

Bohranlage T-160 beim Abteufen der „Völkersen Z2a“. Foto: S. Arndt, Mai 2013

Alles begann mit der Aufschlussbohrung „Völkersen Z1“, die im Sommer 1992 ein Erdgasvorkommen in ca. 5 Kilometern Tiefe in Sandsteinen des Rotliegend antraf. Die im Test ermittelte initiale Förderrate von über 20.000 Kubikmetern Erdgas pro Stunde (zum Vergleich: ein durchschnittlicher Haushalt benötigt ca. 4.000 Kubikmeter im Jahr) deuteten auf ein „wirtschaftlich sehr interessantes Gasvorkommen hin, das noch Erweiterungsmöglichkeiten bietet“, so der Jahresbericht „Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 1992“ des damaligen Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung, heute Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG).

Tatsächlich konnte mit der Folgebohrung „Völkersen Z2“, die im Mai 1995 beendet wurde, ebenfalls Erdgas nachgewiesen werden. Zuvor stieß die parallel abgeteufte Teilfeldsuchbohrung „Völkersen-Nord Z1“ im September 1993 auf Erdgas. Im gleichen Jahr begann die reguläre Förderung aus dem Feldesteil „Völkersen“. 1995 folgte die Aufnahme der regulären Produktion im Feldesteil „Völkersen-Nord“. In diesem Jahr sind aus nur drei Fördersonden fast 300 Millionen Kubikmeter Erdgas gewonnen worden (Erdgasförderung 1949-1996, LBEG).

In den Folgejahren wurden weitere Bohrungen in beiden Feldesteilen niedergebracht, die allesamt mehr oder weniger erfolgreich waren. Lediglich die erste sowie die zweite geologische Ablenkung aus der „Völkersen-Nord Z4“ blieben ohne Erfolg. Das Ergebnis der dritten geologischen Ablenkung „Völkersen-Nord Z4c“, die erst in diesem Jahr durchgeführt wurde, steht noch aus.

Insgesamt sind im Feldesteil „Völkersen“ 11 sowie im Feldesteil „Völkersen-Nord“ 7 Bohrungen (jeweils ohne geologische und technische Ablenkungen) niedergebracht worden. Hinzu kam mit der „Völkersen H1“ eine Hilfsbohrung zur Entsorgung mitgeförderten Lagerstättenwassers in einen abgeschlossenen Salzwasserleiter. Die meisten der Bohrungen sind mit der unternehmenseigenen Bohranlage „T-160“ niedergebracht worden, die fast ausnahmslos in diesem einen Gasfeld im Einsatz war.

Im Jahr 2001 ist erstmals die Hürde von 1 Milliarde Kubikmetern pro Jahr Erdgas aus 9 Fördersonden genommen worden. Der Höhepunkt ist schließlich 2008 mit 1,34 Mrd. m³ aus 12 aktiven Bohrungen erreicht worden. Dieses Niveau konnte zwischen 2006 und 2012 recht stabil gehalten werden, wobei die Förderung aus 11 bis 15 Produktionsbohrungen erfolgte. Ab 2013 ist ein langsamer Förderrückgang auf 0,81 Mrd. m³ im Jahr 2018 zu verzeichnen. Die Förderung erfolgte in diesem Zeitraum aus bis zu 16 aktiven Sonden.

Zwischenfall brachte Teile der Bevölkerung in Aufruhr

Bohranlage T-160 beim Abteufen der „Völkersen Z2a“. Foto: S. Arndt, Mai 2013

Mit Jahresbeginn 2011 keimte in Deutschland Widerstand gegen neue Erdgasprojekte auf. Hintergrund ist die unkritische Ausstrahlung und mediale Diskussion um den pseudodokumentarischen Film „Gasland“. Hauptsächlich ging es in diesem Film um angebliche Trinkwasserverschmutzungen durch die Anwendung des seit 1949 kommerziel genutzten Verfahrens namens „Hydraulic Fracturing“, das bereits zuvor in den abkürzungsliebenden USA sinnentstellend zu „Fracking“ verkürzt wurde.

Ungefähr zeitgleich ist im Zusammenhang mit der Gasförderung in Völkersen ein Grundwasserschaden im unmittelbaren Umfeld des Leitungssystems zum Transport von natürlich anfallendem Lagerstättenwasser (LaWa) bekannt geworden. Dort ist in Bereichen, in denen die Leitung aus PE 100 in obflächennahe grundwasserführende Bodenschichten verlegt wurde, Benzol in deutlich überhöhten Konzentrationen in 1 bis 2 Metern Umgebung festgestellt worden.

Fälschlicherweise wurde durch einige recherchefaule Medien das LaWa zu „Fracking“-Abwasser umgedeutet. Dazu kam es, dass Journalisten meinten in Erfahrung gebracht zu haben, dass das vermeintlich neue Fracverfahren auch bei der Gasförderung in Völkersen zur Anwendung käme und in den Leitungen rückgefördertes „Frackingwasser“ (backflow) transportiert würde. Zwar fand das Fracverfahren als förderoptimierende Maßnahme tatsächlich Anwendung in einigen Bohrungen, backflow wurde in den Leitungen jedoch nicht transportiert.

Dieser medial aufgebauschte Zwischenfall, der zudem noch fälschlicherweise mit dem Reizthema „Fracking“ in Zusammenhang gebracht wurde, rief einige umweltbesorgte Anwohner auf den Plan, die umgehend eine Bürgerinitiative namens „No Fracking“ ins Leben riefen.

Zur Klarstellung: Dieser Zwischenfall soll von uns keinesfalls verharmlost werden. Nur war er auch längst nicht so dramatisch, wie von Bürgerinitiative, Umweltverbänden sowie Medien im engen Schulterschluss verbreitet. Dass ein bekannter Kartoffelveredler die Ernte nicht mehr abnahm, hatte nicht etwa etwas mit tatsächlich ermittelten Schadstoffgehalten in den Pflanzen zu tun (die waren tatsächlich schadstofffrei), sondern ist der Überdramatisierung durch die oben genannten Kreise geschuldet.

Als dann Ende 2012 im Bereich der Erdgaslagerstätte die Erde spürbar bebte, fühlten sich die Kritiker in ihrer Skepsis bestätigt. Auch in diesem Fall wurde sowohl von Medien als auch der lokalen BI fälschlicherweise das Fracverfahren für das Beben verantwortlich gemacht. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gasförderung in Völkersen und umzu war von nun an quasi unmöglich und von außen betrachtet seitens der Kritiker nicht gewollt.

Wie geht es weiter mit der Gasförderung in Völkersen?

Bohranlage T-160 beim Abteufen der „Völkersen-Nord Z4c“. Foto: S. Arndt, März 2019

Das spürbare Beben vom 22.11.2012 war der Beginn einer unregelmäßigen Serie wahrgenommener seismischer Ereignisse im Bereich der Erdgaslagerstätte Völkersen/Völkersen-Nord. Leider riefen einige davon leichte Gebäudeschäden hervor, was den Unmut der Betroffenen verstärkte und die Akzeptanz der regionalen Erdgasproduktion weiter verringerte. Daran änderte auch das Entgegenkommen des Betreibers nichts, wie z.B. die freiwillige Einstellung der LaWa-Versenkung über die Bohrung „Völkersen H1“.

Nach dem jüngsten Ereignis, das abermals leichte Gebäudeschäden (Risse im Putz) verursachte, wurden abermals Forderungen nach einem sofortigen Förderstopp laut. Als vermeintlicher Präzedenzfall werden diesbezüglich die Niederlande angeführt, die 2022 die Förderung aus der riesigen Lagerstätte „Groningen“ vorzeitig einstellen wollen. Allerdings hat es dort nicht nur leichte Gebäudeschäden gegeben, sondern sogar aufgrund der geringeren Herdtiefe der Beben sogar strukturelle. Dennoch erfolgte kein sofortiger Ausstieg.

Wintershall Dea als Betreiber der Lagerstätte „Völkersen/Völkersen-Nord“ reagierte nun gut zwei Wochen später auf die Erdstöße.

Das Unternehmen erkennt an, dass die Erdstöße am Abend des 20.11.2019 Gebäudeschäden verursacht haben. Ferner erkennt Wintershall Dea an, dass die Erdstöße aufgrund der Faktenlage auf die Gasförderung in Völkersen und Umgebung zurückzuführen sind. Deshalb sollen Gebäudeschäden, die auf die Erdstöße zurückzuführen sind, „zeitnah und unbürokratisch“ reguliert werden.

Zudem wird es keine neuen Bohrungen zur Entwicklung der Lagerstätte geben. Damit wird das kontrovers diskutierte Vorhaben „Völkersen Z12“ (LINK) wohl nicht mehr umgesetzt werden. Das Unternehmen gibt an, die Produktion nicht weiter auszubauen. Bestehende Förderbohrungen sollen bis zur natürlichen Erschöpfung ausgefördert werden, so dass die Produktion kontinuierlich sinken wird. Wintershall Dea geht davon aus, dass es auch in Zukunft zu keinen strukturellen Gebäudeschäden infolge durch die Gasförderung hervorgerufener Erdstöße geben wird und hält die Gewinnung der bereits nachgewiesenen Erdgasreserven der Lagerstätte für vertretbar.

Zudem soll das vorhandene seismographische Überwachungsnetz ausgebaut und die wissenschaftliche Begleitung intensiviert werden.Ferner verpflichtet sich Wintershall Dea „zu einem lösungsorientierten und kontinuierlichen Dialog mit Anwohnern und Lokalpolitikern. Bei gleichzeitiger unabhängiger, wissenschaftlicher Begleitung – und voller Transparenz.“

Nach übereinstimmenden Meldungen der Lokalpresse (Kreiszeitung Verden) sowie des NDR (LINK) ist 2036 Schluss mit der Gasförderung in Völkersen. Die Lagerstätte sei zu 80 Prozent ausgefördert. Da nach Angaben des LBEG-Jahresberichts Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland 2018 bislang rund 24 Mrd. m³ Erdgas gewonnen worden sind, dürften noch weitere 6 Mrd. m³ gewinnbar sein.

 

Artikelfoto: Bohranlage T-160 beim Abteufen der „Völkersen-Nord Z4c“, ihrem bis auf Weiteres letzten Einsatz. Foto: S. Arndt, März 2019