NDR Markt rückt mit Falschdarstellungen Ölförderung in schlechtes Licht

Dieser Sommer ist zum zweiten Mal in Folge in manchen Landstrichen Norddeutschlands zu trocken gewesen (während der Sommer 2017 zu feucht war, so ergeben sich Durchschnitte). Das ist selbstverständlich ein Problem für betroffene Landwirte. Und allein das wäre genügend Stoff, um einen Beitrag für das Verbrauchermagazin „Markt“ erstellen zu können. Doch da es an Skandalisierungspotenzial mangelt, muss noch die Ölförderung mit einbezogen werden. Es werden eine Reihe von Behauptungen und Vorwürfen aufgestellt bzw. getätigt ohne diese seriös zu belegen. Und, wie bei „Markt“-Beiträgen zur Öl-und Gasförderung nicht unüblich, wird zudem fachlicher Unsinn erzählt, was wir in der folgenden Kritik zum „Markt“-Beitrag vom 02.03.2019 darlegen.

Wasserunterstützung bei Ölförderung falsch dargestellt

Ölförderung Emlichheim

Ausschnitt Ölfeld Emlichheim im März 2019. Foto: Steven Arndt

Zunächst befasst sich der ca. sechsminütige Beitrag der Autorin Alexa Höber über fast 2 Minuten hinweg mit der Trockenheit und den daraus resultierenden Problemen für die Landwirtschaft. Zum Abschluss der fast zweiminütigen Einleitung des mit „Erdölförderung: Angst um Grundwasser“ wird ein Kreisdiagramm gezeigt, dass den Wasserverbrauch je nach Nutzungsart prozentual darstellt. Während der Verbrauch von Beregnungswasser für die Landwirtschaft eine Einzelposition ist, wird der Verbrauch im Zusammenhang mit der Erdölproduktion nicht detailliert dargestellt, sondern ist mit unbekanntem Anteil bei Bergbau/Verarbeitendes Gewerbe/Energiewirtschaft enthalten. Dabei wäre es doch interessanter gewesen zu erfahren, wie hoch der Wasserverbrauch im Zusammenhang mit der Ölgewinnung ist, da sich der Beitrag ja mit der Angst ums Grundwasser wegen der Ölförderung dreht.

Interessant ist dann die Überleitung nach knapp zwei Minuten zur vermeintlichen Grundwasserproblematik durch die Ölförderung. Während bei der Feldberegnung das Grundwasser im natürlichen Kreislauf bliebe, was zutreffend ist, wäre das bei der Ölgewinnung nicht der Fall. Dieses würde verschmutzt.

Angeblich würde „Frischwasser“, also Süßwasser, im Rahmen der Ölförderung z.B. bei Emlichheim in den Untergrund gepumpt, wo es sich mit Schadstoffen vermische. Das ist ja ganz was Neues! Wasser, was in Emlichheim und auch in anderen Ölfeldern injiziert wird, ist kein Süßwasser. Tatsächlich wird mit dem Öl mitgefördertes und anschließend von ihm abgetrenntes Lagerstättenwasser (LaWa) wieder in die Öllagerstätte zur Druckerhaltung eingebracht. Im genannten Emlichheim ist in den letzten Monaten eine bei diesem Prozess verursachte Havarie bekannt geworden, worüber auch der NDR ausführlich berichtete. Hat Frau Höber sich mit diesen Berichten, den Pressemitteilungen von Bergbehörde sowie Unternehmen nicht befasst?

Es wäre zudem widersinnig, Süßwasser zu injizieren, da dadurch die Lagerstätte geschädigt werden könnte. Es könnte aber auch sein, dass die Journalistin annimmt, dass tatsächlich Süßwasser injiziert wird. Schließlich ist hin und wieder in den genannten Berichten zu lesen gewesen, dass LaWa bei der Erdölproduktion „entsteht“. Teilweise ist in diesem Zusammenhang auch der falsche auch der Begriff „Lagerwasser“ zu lesen gewesen. Das lässt wiederum den Schluss zu, dass manche Journalisten LaWa für zwischengelagertes verschmutztes Wasser halten. Wie sonst ist diese eigenwillige Begriffsschöpfung zu erklären?

Falls es sich hierbei also um ein Missverständnis aufgrund mangelhafter Recherche handelt, dann wäre das ein schlechtes Zeichen für die Journalistenzunft. Es ist aber auch anzunehmen, dass diese Darstellung sich einfach aus den Fingern gesogen wurde. Darauf lässt die folgende Aussage schließen, in der behauptet wird, dass dem geförderten Erdöl Grundwasser zugegeben wird, um den Salzgehalt im Öl zu senken. Als ich das gehört habe, fielen mir fast die Ohren ab. Denn zum einen ist Salz nicht in Öl löslich. Zum anderen ist wiederum Öl nicht in Wasser löslich. Dieser vom NDR behauptete Prozess ist chemisch-physikalisch gar nicht möglich.

Nicht nur Industrie verschmutzt Wasser

Tiefpumpenantriebe im Ölfeld Hankensbüttel-Süd. Foto: Steven Arndt

Dennoch heißt es weiter: „Sauberes Wasser, das die Industrie verschmutzen darf“. In Bezug der vorangegangenen beiden Falschaussagen eine weitere unhaltbare Behauptung. Dennoch verhält es sich so, dass die Erdölförderindustrie auch Süßwasser für gewisse Prozesse benötigt. Dabei wird das verwendete Wasser unvermeidlich auch verschmutzt. Aber das ist doch kein Alleinstellungsmerkmal dieses Industriezweigs. Denn jeder von uns verschmutzt Süßwasser. Im Regelfall sogar welches in Trinkwasserqualität. Und was machen wir damit? Wir waschen uns, unsere Wäsche, unser Geschirr oder verrichten unvermeidliche Geschäfte als Folge des Stoffwechsels und versetzen dabei das saubere Wasser mit Fett, Tensiden, Salzen, Säuren, Fäkalien… Es zeigt sich bereits nach noch nicht einmal der Hälfte des Beitrags, dass eine seriöse Information nicht angestrebt wird, sondern die Diffamierung eines Industriezweigs.

Von Emlichheim im äußersten Westen Niedersachsens geht es nach Hankensbüttel im Osten des Bundeslandes, wo seit 1954 Erdöl gewonnen wird. Protagonisten vor Ort sind zwei „Anwohner“, die sich auch in der Kommunalpolitik engagieren. Die Parteizugehörigkeit wird vorsichtshalber verschwiegen. Bei einem handelt es sich um Christian Schröder, Mitglied des Kreistages des Landkreises Gifhorn und Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Schröder wohnt nach unseren Recherchen im kleinen Dorf Rade ca. 15 km vom Ölfeld Hankensbüttel entfernt. Er ist also kein Anwohner. Beim anderen handelt es sich um Thomas Sordel von der SPD. Er ist immerhin tatsächlich Bewohner von Hankensbüttel.

Beide „ärgern sich über den Wassereinsatz bei mancher Ölförderung“. Worüber sie sich genau ärgern, wird dem Zuschauer nicht mitgeteilt. Schröder gibt folgendes Statement ab, ohne dass irgendein Zusammenhang dargestellt wird, worauf er sich bezieht: „Ich glaube das ist keinem bewusst, wirklich, und da muss man natürlich drauf drängen, dass das publik wird und so auch nicht akzeptiert wird.“ Das sind Phrasen, die zu jeder Angelegenheit abgeliefert werden können, oder um mit Goethes Faust zu sprechen: „Nun steh ich da, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“

Vage Behauptungen, keine nachvollziehbaren Belege

Bohrarbeiten „Hankensbüttel-Süd 96“ Winter 2018/2019. Foto: D. U. Merten, bearbeitet von Steven Arndt.

Es wird behauptet, dass die Erdölindustrie für die Entnahme von Grundwasser nichts bezahlen müsse, während Privathaushalte eine Entnahmegebühr pro Kubikmeter in nicht benannter Höhe entrichten müssten und die Landwirtschaft vom nicht genannten Betrag ein Zehntel. Darüber, dass die Ölförderer befreit sind, mokiert sich Schröder, während er anscheinend kein Problem hat, dass Landwirte erheblich weniger als Privatkunden bezahlen müssen.

Tatsächlich ist der Sachverhalt etwas komplizierter als dargestellt: Nur die Entnahme von Wasser sowohl aus Grund- als auch aus Oberflächengewässern zur verbesserten Ausförderung von Erdöllagerstätten ist von der Gebühr befreit. Solche Wässer werden aber regelmäßig nicht verwendet, sondern das mitgeförderte LaWa. Es entwickelt sich der Eindruck, dass der NDR bzw. speziell Frau Höber wiederholt eine Riesenwelle um nichts macht, um die Erdöl-Erdgas-Industrie in ein schlechtes Licht zu rücken bzw. mit einem Skandal zu belegen. Zudem ist dieser kleine Bereich „bessere Ausförderung von Erdöllagerstätten“ im Gesamtprozess der Ölförderung und Ölaufbereitung nur einer von vielen Wasserentnahmen, die von der Gebühr befreit sind. Eine Auflistung der Befreiungen gibt es hier: Antwort auf die mündliche Anfrage zu Wasserentnahmegebühren

Es heißt im Beitrag, die Ölindustrie hätte sich „ganz einfach“ von der Gebühr befreien lassen, und zwar mit einem Brief an das Niedersächsische Wirtschaftsministerium. Als Begründung soll angeblich angeführt worden sein, dass die Erhebung der Gebühr eine geringere Erdölförderung mit sich brächte. Ein Beleg dafür liefert der Beitrag erwartungsgemäß nicht! Stattdessen gibt es ein Statement eines Landwirts, der das nicht nachvollziehen könne. Seiner Meinung nach sollten alle, die Grundwasser entnehmen, gleichgestellt werden. Eine interessante Ansicht, hat doch der Beitrag zuvor gezeigt, dass Landwirte zur Beregnung ihrer Felder bereits besser gestellt sind als beispielsweise Privatpersonen.

Weiter behauptet „Markt“, das Niedersächsische Wirtschaftsministerium hätte der Forderung des Verbandes der Erdöl-Erdgasindustrie einfach ohne Prüfung stattgegeben. Als Beleg soll folgendes Zitat dienen: „Bezüglich der angesprochenen Kostenkalkulationen der Erdölförderbetriebe liegen dem Wirtschaftsministerium keine detaillierten Erkenntnisse vor“. Doch welchen Inhalt haben die angesprochenen Kalkulationen? Darüber lässt der Beitrag den Zuschauer im Ungewissen. Zudem sind solche als Belege angeführten Zitatausrisse erfahrungsgemäß mit Vorsicht zu genießen, da sie nur einen Teil der Gesamtantwort wiedergeben. Besonders problematisch wird es dann, wenn dem Konsumenten solcher Beiträge die konkrete Fragestellung vorenthalten wird.

Leitungsschäden als Aufhänger für Grundwassergefährdung

Zone III Wasserschutzgebiet Schönewörde. Quelle: Karte (LINK). Zum Vergrößern anklicken.

Und reißerisch geht es weiter: „Für das Wasser nichts bezahlen, und gleichzeitig die Umwelt verschmutzen“. Nochmals: Die Ölindustrie ist nur für die Entnahme von Wasser zur verbesserten Ausbeutung von Erdölvorkommen von der Wasserentnahmegebühr befreit. Ob und in welchem Umfang die Industrie zu diesem Zweck überhaupt Wasser entnimmt, verschweigt uns und allen anderen Zuschauern der Beitrag elegant. Denn wie dargelegt, ist es ziemlich widersinnig, Süßwasser in Erdöllagerstätten einzuleiten. Für alle anderen Zwecke, wie der Nutzung beispielsweise für Prozesszwecke im Zuge der Aufbereitung, zur Trinkwasserversorgung der Betriebe zur Körperhygiene, Verpflegung oder eben auch dem unvermeidlichen Toilettengang, gibt es keine Befreiung.

Als Aufhänger für die angebliche Umweltverschmutzung dienen Schäden an Feldleitungen, bei denen Nassöl, ein Gemisch aus Erdöl und mitgefördertem LaWa ausgetreten ist. Ausnahmslos wird bei solchen Schäden so verfahren, dass umgehend eine Sanierung des betroffenen Bodens erfolgt, und falls oberflächennahes Grundwasser betroffen sein sollte, auch dieses sofort gereinigt wird. Eine längerfristige Umweltverschmutzung, wie suggeriert, wird damit ausgeschlossen, ebenso eine ernsthafte Grundwassergefährdung. Fakt ist: Durch diese Vorfälle oder durch die Ölförderung selbst ist kein irreversibler Schaden nutzbaren Grundwassers trotz ca. 130-jähriger kommerzieller Erdölgewinnung in Deutschland entstanden.

Keine „ganz alten Pumpen“ zur Ölförderung in Hankensbüttel-Süd

Lage des neuen Bohrplatzes Hankensbüttel-Süd 96 und 97 (orange umrandet) sowie des Platzes Hankensbüttel-Süd 85, 94 und 95 (rot umrandet) in der Schutzzone III B des Wasserschutzgebietes Schönewörde. Quelle: Karte (LINK), bearbeitet. Zum Vergrößern anklicken.

Dennoch befürchten der grüne sowie der sozialdemokratische Protagonist des Beitrages einen solchen Fall und begeben sich gemeinsam mit dem NDR-Team an den südlichsten Zipfel des Ölfeldes Hankensbüttel-Süd. Dieses wird von Wintershall Dea betrieben. Dieser Zipfel befindet sich in der Zone III B des Wasserschutzgebietes Schönewörde und somit in dessen äußersten Bereich und nicht „mitten“ im Wasserschutzgebiet, wie es Christian Schröder einfach so behaupten darf (zur Vereinbarkeit von Ölförderung und Trinkwasserschutz mehr im folgenden LINK: Erdöl-Erdgasgewinnung und Trinkwasserschutz im Interessenkonflikt?). Dort sind 2018/2019 zwei Bohrungen abgeteuft worden. Eine soll der Förderung von Erdöl dienen, die andere zur Rückführung des mitgeförderten LaWa in die Lagerstätte gemäß Kreislaufprinzips.

Korrekterweise wird im Beitrag darauf hingewiesen, dass der neue Platz nach aktuellem Stand der Technik mit einer Betonfläche versiegelt ist. Doch dieser Hinweis dient lediglich als Aufhänger dafür, um auf die Beschaffenheit eines weiteren Förderplatzes in nur 80 Metern Entfernung anzuprangern. Auf diesem befänden sich wörtlich zitiert noch „ganz alte Pumpen“ und der Platz wäre mit Holzbohlen und Schotter befestigt. Das Hervorheben von Schotter und Holzbohlen soll wohl einen nicht mehr zeitgemäßen Zustand des Platzes unterstellen.

Dabei dienen die Holzbohlen mitnichten der Platzbefestigung. Sie überdecken stattdessen den Bohrlochskeller aus Stahlbeton und verhindert somit, dass Kleingetier in diesen hineinfällt und dient dem Arbeitsschutz. Und ob es dem NDR bzw. der Autorin Höber nun gefällt oder nicht: Als die insgesamt sechs Bohrungen auf besagtem Platz in den 1980er bis in die 1990er Jahre abgeteuft wurden, war ein mit Schotter befestigter Platz Stand der Anforderungen. Für einen Schutz von Boden und Grundwasser während der Förderphase ist der flüssigkeitsdichte Bohrlochkeller völlig ausreichend. Ein Fachmann hätte dies bestimmt gerne Frau Höber und ihren Protagonisten erklärt, wäre er denn gefragt worden. Doch eine sachliche Auseinandersetzung ist für solche Beiträge nicht vorgesehen.

Abschließend zu den „ganz alten Pumpen“ nur soviel: Diese sind an der Oberfläche nicht zu sehen, sondern nur deren Antriebe. Die Pumpen selbst befinden sich in der Tiefe, weshalb sie als Tiefpumpen bezeichnet werden. Aufgrund von Verschleiß werden sie regelmäßig ausgewechselt und sind ganz gewiss nicht „ganz alt“. Selbst die Antriebe sind es nicht. Denn die Historie des Ölfeldes Hankensbüttel reicht bis ins Jahr 1954 zurück. Die auf besagtem Platz befindlichen drei noch aktiven Bohrungen sowie auch die drei weiteren bereits erschöpften und verfüllten datieren in die 1980er sowie frühen 1990er Jahre. Die im Beitrag zu sehende „Hankensbüttel-Süd 94“ ist 1992, die benachbarte „Hankensbüttel-Süd 95“ ist im darauffolgenden Jahr niedergebracht worden.

Letztlich bleibt abermals der Eindruck, dass dieser „Markt“-Beitrag nicht aufklären , sondern mit Falschdarstellungen und unbelegten Behauptungen Stimmung gegen die Ölförderung in Niedersachsen machen wollte und sich dabei undistanziert zum Erfüllungsgehilfen von Kritikern/Gegnern/“Aktivisten“ gerierte.

Dass Frau Höber mit ihrem Journaktivismus auf einem anderen Gebiet bereits juristisch Federn lassen musste, möchten wir zum Abschluss nicht unerwähnt lassen. Gelernt hat sie daraus anscheinend nichts. Hier der LINK: http://www.umweltruf.de/2014_Programm/news/news_druck.php3?nummer=2642

 

Artikelfoto: Ausschnitt Ölfeld Emlichheim an der deutsch-niederländischen Grenze. Foto: Steven Arndt, Januar 2017.